Ich kann es in der
Ausbildung schleifen
lassen!

Modernste Verfahrenstechnik ist in der heutigen Industrie nicht mehr wegzudenken. Das macht Deutschland zu einer Industrienation. Wenn Friedrich nicht gewesen wäre, müssten Zerspanungsmechaniker vielleicht noch an der Schmiede stehen.

18. September 1819

Friedrich Harkort gründete mit Johann Heinrich Daniel Kamp als eine der ersten Maschinenfabriken Deutschlands die mechanischen Werkstätten Harkort & Comp. in den Ruinen der Burg Wetter oberhalb von Wetter a. d. Ruhr.

Danke
Friedrich

Der Ruhr-Kurier

Zeitung für Kohle, Koks und Kontinent

Der Mann, der englisches Feuer
ins Bergische Land brachte

Drei Jahre reichten ihm, um gleich zwei Schlüsseltechnologien der späteren Industrieregion auszuprobieren. Nur mit dem eigenen Geschäft hatte er weniger Glück.

Alfred Rethel
Die Mechanische Werkstätten Harkort & Co.
auf der Freiheit Wetter

Ein Gemaelde von Alfred Rethel, ueber die Harkortsche Fabrik

Entstehung

Der Hirtenjunge, die Glut und die Kohle

Eine hübsche Legende, ein belegter Bergbau: So beginnt die Geschichte der Ruhrkohle.

Der Legende nach entdeckte ein Hirtenjunge an der Ruhr glimmende Steine unter seinem abgebrannten Lagerfeuer. Historisch belegt ist jedenfalls ein vorindustrieller Bergbau im südlichen Ruhrgebiet bereits im 18. Jahrhundert, mit zahlreichen kleinen Stollenzechen im Ruhrtal. Zwischen 1776 und 1780 machte man die Ruhr selbst schiffbar, um Kohle und Salz effizient abzutransportieren.

Drei Technologien, ein Entwicklungsschub

Keine der entscheidenden Techniken wurde im Ruhrgebiet erfunden – aber alle wurden hier zusammengeführt.

Die Dampfmaschine (1799 erstmals auf einer Bochumer Zeche in Betrieb) pumpte Grundwasser ab und machte den tiefen Schachtbau möglich. Das Puddelverfahren (ab 1825/26) verarbeitete Roheisen zu Schmiedeeisen. Der Kokshochofen (ab 1850 im großen Stil) ersetzte Holzkohle durch Koks. Erst die Kombination aller drei machte aus importiertem Wissen eine eigenständige industrielle Revolution.

1834: Der Tag, an dem das Wasser wich

Ein einziger technischer Durchbruch gilt vielen als eigentliche Geburtsstunde der Ruhrgebiets-Industrie.

1834 gelang es dem Unternehmer Franz Haniel, auf der Zeche Franz bei Essen-Borbeck die rund 100 Meter dicke, wasserführende Mergelschicht mithilfe der Dampfmaschine zu durchteufen. Darunter lag die ergiebige, verkokbare Fettkohle – die Voraussetzung für die spätere Koks- und Stahlerzeugung der gesamten Region.

Portrait von Franz Haniel

Gesellschaft

Wo Dörfer über Nacht zu Städten wurden

Manche Städte im Revier verzehnfachten ihre Einwohnerzahl innerhalb einer Generation.

Das starke Wachstum der Montanindustrie zog enorme Mengen an Arbeitskräften an: Dortmund wuchs von rund 10.000 Einwohnern um die Mitte des 19. Jahrhunderts auf über 44.000 zu Beginn der 1870er-Jahre und auf mehr als 144.000 um die Jahrhundertwende. Frühere Dörfer wurden binnen einer Generation zu Großstädten.

Neue Siedlungen für neue Nachbarn

Wer Arbeiter binden wollte, musste ihnen erst ein Zuhause bauen.

Um die rasant wachsende Zahl an Arbeitern und Familien unterzubringen, entstanden großflächige Zechen- und Werkssiedlungen: die älteste, Eisenheim in Oberhausen, ab 1855/1858, später komfortablere Gartenstadtsiedlungen wie die Krupp-Siedlung Margarethenhöhe in Essen (1909–1920). Sie dienten zugleich der Anwerbung und langfristigen Bindung von Arbeitskräften.

Die Urbanisierung der Dörfer

600.000 neue Nachbarn per Gesetz

1920 entstand der Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk – der heutige Regionalverband Ruhr – auch vor dem Hintergrund der Versailler Reparationsforderungen, die eine geplante Ansiedlung von zusätzlichen 150.000 Bergleuten und rund 600.000 weiteren Menschen in der Region erforderlich machten.

Schwarze Lungen, laute Streiks

Die Arbeit unter Tage forderte ihren Preis – und die Bergleute begannen, sich zu organisieren.

Schichtbetrieb, Hitze, Dunkelheit, Lärm und die ständige Gefahr von Grubenwassereinbrüchen oder Explosionen prägten den Alltag der Bergleute; die Staublunge zählte zu den häufigsten Berufskrankheiten. Größere Streiks 1889, 1905 und 1912 markierten den Beginn einer organisierten Arbeiterbewegung und die Geburtsstunde vieler Gewerkschaften in der Region.

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Der Versammlungsaufruf der Bergarbeiter

Unternehmer gegen Belegschaft: der Zechenverband

1908 organisierten sich die Zechenbesitzer, um mit einer Stimme zu sprechen.

1908 gründeten die Zechenunternehmen den Zechenverband, um ihre gemeinsamen Interessen gegenüber Arbeitern und Angestellten zu vertreten – eine direkte Reaktion auf die wachsende Organisationskraft der Arbeiterbewegung.

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Reaktionäre gegen die Arbeiterbewegung

Politik

Ein Kreislauf, der sich selbst befeuert

Kohle braucht Technik, Technik braucht Stahl, Stahl braucht Kohle: ein System, das sich immer weiter hochschaukelte.

Die Dampfmaschine ermöglichte den Zugriff auf gewaltige, bis dahin unerreichbare Kohlevorkommen. Diese Kohle wiederum war der Rohstoff für Puddelverfahren und Kokshochofen – die Basis einer modernen Stahlindustrie. Der ab den 1840er-Jahren beschleunigte Eisenbahnbau erzeugte enormen Bedarf an Schienen und Lokomotiven – und damit neue Wachstumsimpulse für genau jene Stahlindustrie, die zuvor durch die Kohle entstanden war.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts herrschte in der sogenannten Hellwegzone regelrechte Goldgräberstimmung. Weitere Branchen wie die chemische Industrie und große Energieversorger siedelten sich als Abnehmer und Zulieferer der Steinkohle an.

Vom Erzbergwerk zum Komplettanbieter

Rohstoff, Verarbeitung, Maschinenbau – ein Unternehmer aus Wetter probierte das Modell der späteren Ruhrkonzerne schon 1822.

1822 erwarb Harkort das Erzbergwerk „Valberger Zug“ bei Olpe zur Sicherung der eigenen Rohstoffbasis, 1826/27 kamen Puddel- und Walzwerk sowie eine Kesselschmiede in Wetter hinzu, 1829/30 die „Henriettenhütte“ als eigenes Hochofenwerk. Historiker vergleichen diese Struktur mit den späteren vertikal integrierten Großkonzernen des Ruhrgebiets – ein Modell, das Jahrzehnte später Unternehmen wie Krupp oder Thyssen groß machte.

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Eine Zeichnung einer Feuermaschine

53 Städte, ein Plan

Mit Beginn der Kohlenkrise 1957/58 wurde die Politik erstmals zum aktiven Krisenmanager einer Region, deren Wirtschaft jahrzehntelang fast ausschließlich auf Kohle und Stahl beruht hatte. Die spätere Strukturpolitik setzte auf die enge Kooperation von heute 53 Städten und Gemeinden – anders als etwa in vergleichbaren Krisenregionen in den USA oder Großbritannien, die stärker auf lokale Einzellösungen setzten.

Porträt

Die Mechanische Werkstätte Harkort & Co.

England ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts das unbestrittene Zentrum der industriellen Revolution – mit einem Wissensvorsprung, um den viele Länder buhlen. Friedrich Wilhelm Harkort gehört zu jenen deutschen Unternehmern, die sich dieses Wissen nicht abwarten, sondern selbst holen: 1819 gründet er zusammen mit dem Elberfelder Kaufmann Heinrich Kamp und einem englischen Ingenieur namens Thomas auf der Burg Wetter die „Mechanische Werkstätte Harkort & Co.“

Schon 1822 zählt die amtliche Staatszeitung Harkorts Werkstelle zu den bemerkenswertesten Einrichtungen Deutschlands. Doch Harkort gibt sich damit nicht zufrieden: 1826 reist er erneut nach England, um seine Kenntnisse im Dampfkesselbau zu vervollständigen – und errichtet danach auf der Burg Wetter einen Hochofen und einen „Puddlingofen“, nach übereinstimmenden Quellen die erste Anwendung dieses Verfahrens in Deutschland.

Nur drei Jahre später, 1829, geht er noch einen Schritt weiter: Als erster Industrieller Westfalens versucht er, einen Hochofen mit Koks statt mit Holzkohle zu betreiben – jenes Verfahren, das im Ruhrgebiet erst zwei Jahrzehnte später zum industriellen Standard wird. Wirtschaftlich zahlt sich diese Vorreiterrolle für Harkort selbst kaum aus: 1834 muss er aus seinem eigenen Unternehmen ausscheiden.

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Zu den merkwürdigsten und bewundernswertesten Anstalten in Deutschland

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Premiere in Wetter: 1826

Nach einer weiteren Englandreise 1826 errichtete Harkort einen Hochofen und einen Puddelofen auf der Burg Wetter – nach übereinstimmenden Quellen die erste Anwendung des Puddelverfahrens in Deutschland. Er gab sein Wissen bereitwillig weiter, etwa an die Kesselschmieden von Moll und Berninghaus.

Drei Jahre später: Koks statt Holz

1829 wagt Harkort den nächsten Schritt und befeuert einen Hochofen erstmals mit Koks. Die breite industrielle Durchsetzung dieser Technik im Ruhrgebiet lässt noch zwei Jahrzehnte auf sich warten.

Zeichnung eines Franzoesischen Kokshochofen

Ein Konzern, bevor es Konzerne gab

Erzbergwerk, Puddelwerk, Hochofen – alles unter einem Dach: Historiker vergleichen Harkorts Unternehmenskonstruktion mit den späteren vertikal integrierten Großkonzernen des Ruhrgebiets. Beschäftigt waren 1832 allerdings gerade einmal 147 Arbeiter.

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Steckbrief: Harkort und die Verfahrenstechnik

  • Geboren / gestorben:
    22. Februar 1793 – 6. März 1880
  • Werkstätte:
    1819, Burg Wetter, mit Heinrich Kamp und Ingenieur Thomas
  • Puddelverfahren:
    „Bienenkorbbrief“, 1848
  • Kokshochofen-Versuch:
    1829 – erster in Westfalen
  • Unternehmensstruktur:
    Erzbergwerk (1822), Puddelwerk (1826/27), Henriettenhütte (1829/30)
  • Ausscheiden:
    1834, aus wirtschaftlichen Gründen

Visionär, kein Kaufmann

Am Ende zählt nicht nur, was einer erfand, sondern auch, was aus seinem eigenen Betrieb wurde.

Harkorts Beiname „Vater des Ruhrgebiets“ verweist auf die Kombination mehrerer Pionierleistungen: erste Puddelanwendung, früher Kokshochofen-Versuch, Wasserhaltungstechnik, ein Unternehmensmodell mit Ansätzen vertikaler Integration. Dass sein eigener Betrieb 1834 wirtschaftlich scheiterte, schmälert diese technische Vorreiterrolle nicht – Historiker beschreiben ihn treffend als „Visionär als Praktiker“.

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Pumpen gegen das Grubenwasser

Ohne diese unspektakuläre Technik wäre der Tiefbau im Ruhrgebiet gar nicht möglich gewesen.

Wasserhaltungsmaschinen gehörten von Beginn an zum Kerngeschäft der Harkortschen Werkstätte. Historiker fassen zusammen: Der Kohleabbau im Tiefbau wurde durch seine Pumpen, Dampfmaschinen und später Eisenbahnschienen überhaupt erst in großem Maßstab möglich.

Welt

Zankapfel Ruhr

Zwei Weltkriege lang stand die Region im Zentrum internationaler Machtkämpfe um Kohle und Stahl.

Der Kriegsbeginn 1914 führte zu Engpässen bei Eisenbahnmaterial für die Schwerindustrie. 1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, um ausstehende Reparationszahlungen einzutreiben – die Förderung brach zeitweise drastisch ein. Nach 1945 unterstellte das Ruhrstatut die Region zeitweise einer internationalen Behörde, was in Deutschland scharfe Kritik auslöste.

Aus dem Streit wurde die EU

Ausgerechnet der Konflikt um Ruhrkohle und Ruhrstahl lieferte den Anstoß für eines der wichtigsten Friedensprojekte Europas.

1951 unterstellte die neu gegründete Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS, „Montanunion“) die Schwerindustrie mehrerer europäischer Staaten gemeinsamen Regeln – und gilt bis heute als unmittelbarer Vorläufer der Europäischen Union. Aus einem Streit um Rohstoffe wurde so der erste Baustein europäischer Integration.

Zukunft

2018: Die letzte Schicht

Am 21. Dezember 2018 ging mit großem Festakt die Geschichte des deutschen Steinkohlenbergbaus zu Ende.

Mit der Schließung des Bergwerks Prosper-Haniel in Bottrop endete die Geschichte des deutschen Steinkohlenbergbaus – rund 185 Jahre nach Franz Haniels Durchbruch durch die Mergelschicht. Bereits seit der Kohlenkrise 1957/58 und der Stahlkrise ab 1975 hatte sich die Region in einem permanenten Strukturwandel befunden.

Denkmal, Park, Museum

Wo einst Kohle und Stahl produziert wurden, entstehen heute Kultur- und Freizeitorte von europäischem Rang.

Die Zeche Zollverein in Essen ist heute UNESCO-Welterbe, der Landschaftspark Duisburg-Nord ein beliebtes Freizeitareal auf dem Gelände eines ehemaligen Hüttenwerks. Programme wie die IBA Emscher Park und der ökologische Umbau der Emscher haben das Bild der Region zusätzlich verändert.

Der voranschreitende Klimawandel

Grüner Stahl statt Kokshochofen

Am selben Standort, an dem einst der Kokshochofen die Industrialisierung beschleunigte, entsteht schon die nächste technologische Wende.

In Duisburg soll eine Direktreduktionsanlage, die grünen Wasserstoff statt Kohle zur Roheisenherstellung nutzt, Ende 2027 in Betrieb gehen. Bis 2030 sollen so rund drei Millionen Tonnen klimafreundlicher Stahl jährlich entstehen. Der Duisburger Hafen, Europas größter Binnenhafen, soll zur Drehscheibe für den Import und die Verteilung von Wasserstoff ausgebaut werden.