Bildung
ist die
Investition
in die Zukunft

Modernste Verfahrenstechnik ist in der heutigen Industrie nicht mehr wegzudenken. Das macht Deutschland zu einer Industrienation. Wenn Friedrich nicht gewesen wäre, müssten Zerspanungsmechaniker vielleicht noch an der Schmiede stehen.

18. September 1819

Friedrich Harkort gründete mit Johann Heinrich Daniel Kamp als eine der ersten Maschinenfabriken Deutschlands die mechanischen Werkstätten Harkort & Comp. in den Ruinen der Burg Wetter oberhalb von Wetter a. d. Ruhr.

Danke
Friedrich

Der Schulbank-Kurier

Zeitung für Kreide, Gesetze und Geduld

Gezeichnetes Portrait von Friedrich Harkort

Zwanzig Jahre für ein Gesetz, das andere kassieren wollten

Ein Unternehmer aus Wetter kämpfte drei Jahrzehnte gegen ein Regelwerk, das Lehrer bewusst klein hielt. Am Ende bekam er recht – mit 79 Jahren.

Entstehung

Ein Reglement, das alles ins Rollen brachte

Fabrikbesitzer nannten es Notw1763 erkannte Preußen offiziell: Bildung ist Staatsaufgabe. Nur fehlte es noch komplett an gut ausgebildeten Lehrern. In Wahrheit ging es vor allem um eines: den Preis.

Am 12. August 1763 trat in Preußen das „Generallandschulreglement“ in Kraft – die erste für ganz Preußen gültige Schulordnung und Grundlage der allgemeinen Schulpflicht in Deutschland. König Friedrich der Große machte das private Schulinstitut des Theologen Johann Julius Hecker kurzerhand zum staatlichen Schulmeister- und Küsterseminar.

WER BILDET DIE BILDNER?

Alte Materialien aus der Schule

Der Streit um das erste Lehrerseminar

Sollten angehende Lehrer erst einmal selbst etwas lernen, bevor sie unterrichten? Die Antwort war überraschend umstritten.

Mit Wilhelm von Humboldts Berufung an die Spitze der preußischen Bildungsverwaltung 1809 rückte die Lehrerbildung selbst ins Zentrum. Zwei Modelle konkurrierten: das „Normalinstitut“, das zunächst Allgemeinbildung vermitteln sollte, und das klassische „Seminar“. 1811 eröffnete in Ostpreußen im Geiste Pestalozzis eines der ersten Lehrerseminare – mit gerade einmal 25 Schülern.

Vom Küsterseminar zum Bildungsauftrag des Staates

Gesellschaft

Berliner Schule (um 1880): Lehrer und Schüler vor dem Schulgebäude, ein zeitgenössischer Einblick in den Alltag des preußischen Schulwesens.

Berliner Schule (um 1880): Lehrer und Schüler vor dem Schulgebäude, ein zeitgenössischer Einblick in den Alltag des preußischen Schulwesens.

Alphabetisierung –
und Disziplinierung

Lesen und Schreiben lernen war nie nur Wissenserwerb – es war immer auch Erziehung zu etwas.

Die preußische Elementarschule wurde von Zeitgenossen sowohl für die Umbrüche von 1848 verantwortlich gemacht als auch für die sprichwörtliche Obrigkeitshörigkeit der preußischen Untertanen. Neben Lesen und Rechnen standen im Lehrplan explizit Religion, vorgegebene Rollenbilder und Treue zur Monarchie – nach 1871 ergänzt um nationalpatriotische Erziehung.

Zwischen Aufklärung und Untertanentreue

Politik

1854: Ein Rückschlag mit Namen

Kaum hatte sich die Lehrerbildung entwickelt, drehte ein preußischer Schulrat das Rad zurück.

1854 engten die sogenannten „Stiehlschen Regulative“, benannt nach dem preußischen Schulrat Ferdinand Stiehl, die Ausbildung der Volksschullehrer erheblich ein. Der Wissenskanon der Lehrerseminare wurde auf ein enges, stark kirchlich geprägtes Programm reduziert – die Volksschule insgesamt driftete in eine reaktionäre, obrigkeitstreue Richtung.

Der lange Weg von 1854 bis 1872

Ferdinand Stiehl (1812–1878) – die nach ihm benannten „Stiehlschen Regulative“ von 1854 beschränkten die Ausbildung der preußischen Volksschullehrer deutlich.

Ferdinand Stiehl (1812–1878) – die nach ihm benannten „Stiehlschen Regulative“ von 1854 beschränkten die Ausbildung der preußischen Volksschullehrer deutlich.

Zwanzig Jahre Beharrlichkeit

Wer gegen ein etabliertes Regelwerk kämpft, braucht vor allem eines: Ausdauer.

Über mehr als zwei Jahrzehnte setzte sich Harkort in der preußischen Nationalversammlung und im Abgeordnetenhaus für die Aufhebung der Stiehlschen Regulative und für ein modernes Unterrichtsgesetz ein. Erst 1872 – Harkort war fast 80 – wurden die Regulative durch die „Allgemeinen Bestimmungen“ tatsächlich aufgehoben.

HEUTE: 16 STATT 1

Bildungsföderalismus und seine Kritiker

Wo früher ein Schulrat das Sagen hatte, entscheiden heute 16 Bundesländer – koordiniert, aber nicht vereinheitlicht.

In der Bundesrepublik liegt Bildungspolitik traditionell bei den 16 Bundesländern, koordiniert über die Kultusministerkonferenz. Diese föderale Struktur wird regelmäßig kritisiert, etwa wenn es um bundesweit vergleichbare Standards oder die Reaktion auf den Lehrkräftemangel geht – obwohl das Thema laut Umfragen bei politischen Entscheidungsträgern selten hohe Priorität genießt.

Bildung als Standortfaktor

Schon Preußen wusste: Ein alphabetisiertes Volk ist wirtschaftlich mehr wert als eines, das nicht lesen kann.

Der achtjährige Schulbesuch führte im 19. Jahrhundert zur nahezu vollständigen Alphabetisierung der preußischen Gesellschaft – ein enormer Kompetenzgewinn für die aufstrebende Industriegesellschaft. Bis heute korreliert wirtschaftlicher Erfolg eng mit Bildungsinvestitionen.

Die UNESCO empfiehlt Staaten, mindestens vier bis sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung zu investieren. Rund vier von zehn Ländern weltweit verfehlen dieses Minimum – die globalen Bildungsausgaben sanken zwischen 2015 und 2022 sogar leicht.

Was Bildung kostet
und was sie einbringt

Klassenzimmer um 1900 (Rekonstruktion im Schulmuseum Leipzig): Streng in Reihen auf die Lehrkraft ausgerichtet, so saß um die Jahrhundertwende eine Schülergeneration, für die Lesen und Schreiben selbstverständlich geworden war.

Klassenzimmer um 1900 (Rekonstruktion im Schulmuseum Leipzig): Streng in Reihen auf die Lehrkraft ausgerichtet, so saß um die Jahrhundertwende eine Schülergeneration, für die Lesen und Schreiben selbstverständlich geworden war.

Porträt

Vom Industriepionier zur Volkshochschule

Friedrich Wilhelm Harkort hatte längst eine steile Karriere als Industriepionier hinter sich, als er sich einem Thema zuwandte, das ihn bis ins hohe Alter nicht mehr loslassen sollte: die Ausbildung der preußischen Volksschullehrer. Sein „Verein für die deutsche Volksschule“ gewann binnen kürzester Zeit rund 2.500 Mitglieder – mit einem Ziel, das damals als heikel galt: mündige, gut ausgebildete Lehrer, unabhängig von kirchlicher Bevormundung.

1842 legte Harkort mit seiner Schrift „Bemerkungen über die preußische Volksschule und ihre Lehrer“ nach – ein Text, der noch 1919 neu aufgelegt wurde. Doch der eigentliche Gegner kam erst 1854: Die „Stiehlschen Regulative“ engten die Lehrerausbildung drastisch ein und drängten die Volksschule in eine reaktionäre, kirchlich geprägte Richtung.

Gegen genau dieses Regelwerk kämpfte Harkort über zwanzig Jahre im preußischen Abgeordnetenhaus – zäh, unbeirrt, oft erfolglos. Erst 1872, als Harkort bereits 79 Jahre alt war, wurden die Regulative durch die „Allgemeinen Bestimmungen“ endgültig aufgehoben. Ein später Sieg, aber einer, an dem er drei Jahrzehnte mitgearbeitet hatte.

Mündige Lehrer mit eigenständigem Bildungsauftrag

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Ein Vierteljahrhundert in einem Buch

1875 fasste Harkort seinen eigenen parlamentarischen Kampf in der Schrift „Die preußische Volksschule und ihre Vertretung im Abgeordnetenhause von 1848 bis 1873“ zusammen – eine Art Rechenschaftsbericht seines eigenen Engagements.

Ein alter Klassenraum

Ein Verein mit 2.500 Mitgliedern

Harkort wusste: Eine gute Schule ist nur so gut wie ihre Lehrer.

Harkort gründete den „Verein für die deutsche Volksschule und für Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse“, der binnen kürzester Zeit rund 2.500 Mitglieder aus dem gehobenen Bürgertum gewann. Ziel: eine bessere, von kirchlicher Bevormundung unabhängigere Ausbildung der Volksschullehrer – ein damals heikles Thema, an dem weder Staat noch Kirche echtes Interesse hatten.

Steckbrief: Harkort und die Bildungspolitik

  • Geboren / gestorben:
    22. Februar 1793 – 6. März 1880
  • Vereinsgründung:
    Verein für die deutsche Volksschule, rund 2.500 Mitglieder
  • Schlüsselschrift:
    „Bemerkungen über die preußische Volksschule und ihre Lehrer“, 1842
  • Politischer Kampf:
    gegen die Stiehlschen Regulative von 1854, über 20 Jahre im Abgeordnetenhaus
  • Erfolg:
    Aufhebung 1872 durch die „Allgemeinen Bestimmungen“
  • Späte Praxis:
    Handwerkerschule bei Hombruch, 1877

Eine Streitschrift, die nachwirkte

Ein Text von 1842 wurde noch fast achtzig Jahre später neu aufgelegt.

In seiner Schrift „Bemerkungen über die preußische Volksschule und ihre Lehrer“ benannte Harkort die Missstände der Lehrerausbildung offen. 1919 erschien der Text noch einmal neu, im Diesterweg-Verlag. 1875 zog Harkort zusätzlich Bilanz über sein eigenes Vierteljahrhundert parlamentarischen Engagements.

Ein Gemaelde von Friedrich Harkort

Welt

GLOBALE BILANZ

251 Millionen Kinder ohne Schule

Was in Preußen 1763 begann, ist weltweit bis heute nicht abgeschlossen.

Laut UNESCO-Weltbildungsbericht 2024/25 bleiben trotz seit 2015 steigender Einschulungszahlen weltweit 251 Millionen Kinder und Jugendliche ohne jede Schulbildung, 650 Millionen verlassen die Schule ohne Abschluss. Rund 765 Millionen Erwachsene können nicht ausreichend lesen und schreiben – zwei Drittel davon Frauen.

Lehrerin an der Lubwa Mission, Sambia (ca. 1905–1940): Eine historische Aufnahme zeigt, wie zentral die Lehrkraft für den Unterricht und den Aufbau von Bildungsangeboten war.

Lehrerin an der Lubwa Mission, Sambia (ca. 1905–1940): Eine historische Aufnahme zeigt, wie zentral die Lehrkraft für den Unterricht und den Aufbau von Bildungsangeboten war.

69 Millionen fehlende Lehrkräfte

Nicht nur Schulen fehlen weltweit – vor allem fehlen die Menschen, die darin unterrichten.

Bis 2030 werden nach UNESCO-Schätzungen weltweit fast 69 Millionen zusätzliche Lehrkräfte benötigt. Am gravierendsten ist der Mangel im afrikanischen Raum südlich der Sahara mit rund 17 Millionen fehlenden Lehrkräften, gefolgt von Südasien.

251 Millionen Gründe zur Sorge

Zukunft

49.000 fehlende Lehrkräfte bis 2035

Der Kampf um genügend gut ausgebildete Lehrer, der 1811 mit 25 Seminaristen begann, ist mehr als zweihundert Jahre später nicht entschieden.

Nach Prognosen der Kultusministerkonferenz werden bis 2035 rund 49.000 ausgebildete Lehrkräfte in Deutschland fehlen. Besonders dramatisch ist die Lage in den MINT-Fächern: 2030/31 dürften Schulen nur etwa ein Drittel der benötigten Fachlehrkräfte für Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften zur Verfügung haben.

Die Länder reagieren mit neuen, dualen Ausbildungswegen, Quereinstiegen und in Einzelfällen sogar mit geprüftem Fernunterricht für unterversorgte, ländliche Regionen. Gleichzeitig wächst die Schülerzahl in Deutschland bis 2032 laut Prognosen weiter deutlich an, bevor sie danach wieder sinkt.

Der nächste Lehrermangel

Lehrerseminar Halberstadt (1909): Institutionen wie diese bildeten über Generationen die Lehrkräfte aus, die das deutsche Schulwesen trugen.

Lehrerseminar Halberstadt (1909): Institutionen wie diese bildeten über Generationen die Lehrkräfte aus, die das deutsche Schulwesen trugen.